Auf die Spitze getrieben
FKK-Improvisationstheater glänzt im Alten Kino
Ebersberg "Die Pisten am Spitzingberg sind so schlecht präpariert - eine Beule nach der anderen. Es war eine richtige Beulenpest, die mein Ende bedeutete." So schildert der Briefträger Michael Siegert den Grund für sein vorzeitiges Ableben. Es ist eine Botschaft aus dem Jenseits, die da auf der Bühne des Alten Kinos verkündet wird. Ein Postbote, der bei einer Abfahrt zu Tode kommt und aus den elysischen Gefilden das Auditorium über diese Begebenheit unterrichtet? Geht das?
Nun, heraufbeschworen wird diese keineswegs übernatürliche Figur am Samstagabend vom Publikum selbst: Es folgt lediglich den Anweisungen des Impro-Ensembles FKK und greift aktiv in den Verlauf der ganzen Veranstaltung ein. Der Nachtexpress feiert zehnjähriges Jubiläum, deshalb stellt sich das Markt Schwabener Impro-Theater in den Dienst der Wohltätigkeit und verzichtet ebenso wie das Alte Kino selbst auf Einnahmen. Umsonst ist der Abend für das Publikum aber ganz und gar nicht: Die Truppe stellt eine unglaublich kreative, spontane und herrlich komische Vorstellung bester Improvisationskunst auf die Beine.
Das Kürzel FKK steht mitnichten für Nudismus - vielmehr hat sich das Ensemble drei Grundzügen verschrieben, die auf der Bühne meisterhaft zum Ausdruck kommen: frei - komisch - kreativ. Den thematischen Rahmen steckt dabei das Publikum ab - die musikalische Untermalung liefert der begnadete Pianist Christian Kappl. In Anlehnung an die Kunst des Stummfilms präsentieren Tanja Aschenbrenner und Andreas Krug eine hinreißenden Darbietung ihres Könnens. "Robert wohnt hier nicht mehr", heißt der von einem Zuschauer ausgewählte Titel der mimisch anspruchsvollen und aus dem Augenblick heraus geborenen Aufführung.
Welch rasantes und ideenreiches Zusammenspiel sich aus der Wahl eines Berufs sowie zehn Gefühlsregungen entwickeln kann, stellen Aschenbrenner alias "die Prostituierte Natascha" und Krug unter Beweis: Jede Anweisung ihres Kollegen Sebastian Schlagenhaufer nehmen beide Mimen sofort auf. So bestaunt das Ebersberger Auditorium ein abwechslungsreiches Zusammenspiel, das in die Frage des hungrigen Freiers mündet: "Könnten Sie mir ein Sandwich machen?" Gedankenverloren stellt die melancholische Prostituierte Natascha prompt die nicht ganz jugendfreie Gegenfrage: "Brauchen wir dafür nicht einen Dritten?"
Voller Witz und Spontanität reihen sich auch Michael Siegert und Sabine Bogenrieder als verliebtes Pärchen auf der Suche nach Grashalmen in die humorvollen Mini-Dramen ein. Von der Beulenpest bis hin zu verliebten Pastoren und blutrünstigen Metzgerinnen: dieses Ensemble bietet spontanen Witz auf allerhöchstem Niveau. MARTIN MÜHLFENZL
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.11,
Montag, den 14. Januar 2008
, Seite 4