Paradoxien des Alterns
Thomas Reis mit beißenden Pointen im Alten Kino
Ebersberg Politische Korrektheit, das ist für Thomas Reis ein Fremdwort. In seinem aktuellen Programm "Gibt es ein Leben über 40?" rechnet er im Ebersberger Alten Kino ab mit der alternden Gesellschaft. Dröge, abgedroschene Phrasen über den demographischen Wandel hat der Kabarettist aber Gott sei Dank nicht auf Lager. Vielmehr nimmt er wortgewaltig die Paradoxien des Alterns aufs Korn: Die Probleme der 40-Jährigen, die nur noch über Krankheiten reden können, keine zwei Radler-Maß mehr vertragen und mehr Ärzte als potentielle Sexpartnerinnen kennen. Auf der anderen Seite die fitten Alten, die einfach nicht sterben wollen ("Das haben wir davon, dass die Renten sicher sind") und sich ihren Platz an den Universitäten und im Arbeitsleben zurückerobern: "Mensaessen nur noch in Schnabeltassen und das Granufink-Luder im Callcenter".
Dabei nimmt Reis kein Blatt vor den Mund und schreckt auch vor bitterböser Ironie nicht zurück: "Die Alten müssen weg, aber wohin?". Gleichzeitig schafft er den Spagat zwischen anspruchsvollem politischen Kabarett und den Problemen des Alltagslebens. Politiker und Promis, die Reis allesamt zu den Mit-Senioren und Jung-Senilen zählt, kriegen ihr Fett schonungslos weg. Angela Merkel wird da zur "Duracell-Domina der Weltpolitik" und auch Schröders Werdegang "vom Fulltime-Schwätzer zum Teilzeit-Schweizer" beäugt Reis kritisch. Westerwelle bewundert er bissig für seine hohen Ziele: "das Glühwürmchen, dass als Berufswunsch Flutlicht angab". Beim "verbalen Kampfhuhn" Stoiber verliert für Reis sogar die Vogelgrippe ihren Schrecken.
Von der Politik springt der Kabarettist dann abrupt zu den Problemen des normalen 40-ers in der Midlife-Crisis. Das nicht-existente Sexualleben, das Bier, das sich um die Leibesmitte ansiedelt, und natürlich hat auch der Generationenkonflikt hier seinen Platz: Der Nachwuchs und seine Gewohnheiten sind dem Herrn Papa ein Rätsel, Piercings, Tattoos, Comedy und Null-Bock stoßen im übel auf. Um die Kids mal aus ihrer Lethargie zu reißen, würde er am liebsten das Kruzifix im Klassenzimmer wieder einführen - damit den Schüler vor Augen geführt werde, "was passiert, wenn man sich zu sehr auf seinen Papa verlässt."
Das Publikum im ausverkauften Alten Kino - größtenteils jenseits der 40 - belohnt Reis" verbalen Rundumschlag mit Lachkrämpfen ganz im Sinne des Kabarettisten: "Besser ihr schlagt die Zeit tot als umgekehrt." SILVIA HUF
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.244,
Montag, den 23. Oktober 2006
, Seite 5