zurück
Original-Darstellung Artikel drucken
weiter

Clown bleibt Clown - und das ist gut so

Alf Poier macht mit furioser zweiter Hälfte alles wett


Ebersberg Gekrönten Häuptern gleich haben die Besucher des Alten Kinos in Ebersberg ein herrliches Spektakel erleben dürfen: Den Auftritt eines wahrhaftigen Narren und Clowns: Der Österreicher Alf Poier verwandelte die Bühne des beliebten Theaters in sein Reich aus völlig aberwitzigen und abstrusen Zeichnungen, Gemälden, Gegenständen und selbstverständlich unglaublichen verbalen Spitzfindigkeiten - allerdings erst in der zweiten Hälfte seines Programms "Kill Eulenspiegel".


Vor der Pause erlebte das voll besetzte Auditorium ein eher fades Déjà-vu: Bei seinem ersten Auftritt im Mai war der Clown ja noch zu Beginn der zweiten Hälfte an seinen arg lädierten Stimmbändern gescheitert und musste den Auftritt abbrechen. Stimmlich bestens präpariert gab Poier nun noch einmal die kabarettistisch anmutende erste Programmhälfte zum Besten - und erntete daher zur Pause nur spärlichen Applaus.


Nachdem sich der Vorhang aber zum zweiten Mal lichtete, fanden die zuvor noch enttäuschten Zuschauer den Provokateur aus der Alpenrepublik in seinem Element wieder: Endlich startete der Clown Poier eine gelungene Attacke auf die Lachmuskeln der Ebersberger - dies aber immer noch als zeternder und schimpfender Außenseiter einer Welt die er als "Scheiß-Bussi-Lifeball-Gesellschaft" abkanzelt.


Poier nimmt seine Gäste mit auf eine Reise in das "kosmologische Ich" - die höchste aller Bewusstseinsebenen. "Macht sich eine Ficht"n Gedanken, wie weit sie ihre Äste wachsen lassen muss, damit die Eichhörnchen ned daneben springen? Oder ist der Mensch gar ein Gefängnis, weil er doch aus Zellen besteht?" Der Wortwitz ist gewaltig und ebenso begeisternd wie die selbst entworfenen - freilich vollkommen sinnlosen - Gegenstände des Narren. Auf einer "Bushtrommel", ein Schlagzeug beklebt mit dem Konterfei des US-Präsidenten, gibt Poier seinem Programm auch eine musikalische Note. Und welch" Überraschung: Der Narr brilliert selbst an den Drums und der Gitarre.


Clown bleibt eben Clown - diese Erkenntnis gewinnt Poier im Laufe seines Programms wieder, nachdem er es mit seinem geistigen Selbstmord beginnt. Getreu dem Motto "Enjoy the show - it"s your show" hat Poier in der zweiten Hälfte die Lacher stets auf seiner Seite, obwohl er sich doch wundert, wer denn wohl im Wettrennen zwischen Künstler und Publikum den größeren Dachschaden habe: "Ich, weil ich diesen Schmarrn abziehe, oder ihr, weil ihr ihn euch anschaut?"


Wohl beide Seiten nicht, denn das Programm bietet eben den echten Poier: Einen brillanten Komiker, der alle Facetten des politischen und gesellschaftlichen Lebens, die ihn abstoßen, aufs bitterste konterkariert. Aber dies haben in früheren Zeiten schon gekrönte Häupter über sich ergehen lassen dürfen. MARTIN MÜHLFENZL


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.237, Samstag, den 14. Oktober 2006 , Seite 10
Fenster schließen Fenster schließen