Eine Zitiermaschine erzählt
Roger Willemsen brilliert im Alten Kino Ebersberg
Ebersberg Der braune Holzstuhl auf der Bühne des Alten Kinos in Ebersberg bleibt den ganzen Abend unberührt. Einzig der kleine Tisch, der das spärliche Mobiliar komplettiert, kommt hin und wieder mit ihm in Berührung: Roger Willemsen kann schlecht stillsitzen, wenn er erzählt. Ständig bummelt er von links nach rechts, seine Hände fahren dabei wie die des Dirigenten Simon Rattle durch die Luft und sein Gesicht verzieht sich oft ein wenig, die Lippen spitz nach vorn gelegt entlässt er seine immer leicht nasale Stimme in das Auditorium.
"Und du so?" heißt das Programm, dass den Bonner Germanisten, Essayisten und Berufsinterviewer Willemsen am Dienstag nach Ebersberg ins restlos ausverkaufte Kino führte. Es ist ein biographisches Programm, Willemsen speist es mit Anekdoten und Zoten aus seiner Jugend, berichtet von misslungenen Interviews und schreiend witzigen Begegnungen, von vermasselten Rendezvous und unerhörten Peinlichkeiten - ein kurzweiliger, humoristischer, rhetorisch genussvoller Abend.
Willemsen gibt sich, in einen weinroten Seidenanzug gehüllt, die Jacke eine Nummer zu groß und die Hose einen Hauch zu lang, beinahe so, als wäre er seit Erwerb geschrumpft - Willemsen, nicht der Anzug - als Charmeur. Farblich wohlarrangiert trägt er dazu ein schwarzes Hemd, schwarze Schuhe - schick irgendwie, aber des Guten nicht zu viel. Mit seinen über 190 Zentimetern eine recht imposante Erscheinung.
Das Talent von Roger Willemsen ist das gesprochene Wort. Beinahe stakkatoartig prasseln die Schachtelsätze auf das Publikum hernieder, werden Neologismen produziert und schlichtweg wunderbar komische Vergleiche gezogen, aber auch Abschätzigkeiten hübsch formuliert. Der Ehefrau von James Joyce etwa, Nora Barnacle, attestiert Willemsen gerademal "eine geistige Serienausstattung", von einer ehemaligen Angebeteten weiß er zu berichten, dass sie Zeit ihres Lebens "im Schatten ihrer Brüste stand". Es sind diese kleinen Spitzen, dieses Gespür für feine Komik, die den Grimme-Preisträger so unterhaltsam machen. Eine besondere Vorliebe hegt er für Zitate - unablässig führt er Kleist, Hölderlin, von Horváth an.
Willemsens Beobachtungsgabe ist ebenso beeindruckend und augenfällig wie seine immens ausgeprägte Selbstreflektion. Er hinterfragt sich ständig selbst, bricht in dem "Und du so?"-Programm sogar mit der Rolle des stets auf das Gegenüber fixierten Fragestellers, stellt sich selbst ins Zentrum. Er genießt die Aufmerksamkeit, die bewundernden Blicke und das Kopfschütteln ob der Faszination, die seine gestochen scharfen Sätze auslösen. Er weiß um sein Wissen und hört sich gern reden - eine Tatsache, die ihn gleichermaßen souverän wie überlegen wirken lässt. Aber ob Willemsen, Friedmann oder Walser - diese rhetorische Chuzpe zeichnet eben große Redner aus. DANIEL MÜLLER
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.222,
Dienstag, den 26. September 2006
, Seite 5