Sie krächzen, rocken und kreischen
Heißer Saisonstart im Alten Kino mit "Cyberspace Hippies"
Ebersberg Beim dritten Lied stehen sie im "Alten Kino" unten vor der Bühne. Oben krächzt Claudia Kane Janis Joplins "Take another piece of my heart", Basisstin Petra Delorian verzieht unter ihrem ins Gesicht gezogenen Jeanshut in grinsender Steve Tyler-Pose die Lippen und Ira Stylidiotis, Gitarristin, steht lässig rechts daneben und klimpert auf ihrer Gitarre herum, als hätte sie schon als Säugling zu Jimi Hendrix gestrampelt. Bei ihrem mehr als dreistündigen Auftritt, mit dem die Cyberspace Hippies am Samstagabend die neue Saison im Alten Kino eröffnet haben, zeigten sie allen, die meinen, Rockmusik wäre nur etwas für Männer, wo der Hammer wirklich hängt.
Und der hängt zum Beispiel dort, wo Sängerin Claudia Kane im kombinierten Glitzer-Leder-Outfit Robbie Williams" Worte, "when we"re grey and old" singt, die Feuerzeuge aus den Hosentaschen gezogen werden und sich jeder da unten in der Menge wünscht, das das in ihrem Fall bitteschön nicht in den nächsten 25 Jahren geschehen werde. Oder dort, wo Ira Stylodiotis herzzerreißende Soli anstimmt, die kein Slash in seinen Drogenräuschen besser hinbekommen hätte und die sechs Frauen zwischen 30 und 40 Jahren ein zuckersüßes Finale hinterherschieben, das in ein hemmungsloses Gejohle und Applaudieren übergeht. Sowas hört man im Alten Kino höchstens noch bei den Stimulators.
In schier endlosen Rampen ziehen sie die Lieder bis zum Refrain in die Länge, springen auf der Bühne hinter Percussion oder Keyboard umher, schmeißen ihre meist hellblonden Mähnen durch die Luft, sich selbst in Pose. Beim minutenlangen "Purple Haze" und einem leider viel zu kurzen "Song 2" flippen sie vollends aus - und spätestens hier springt der Funke über. Sogar die Leute hinter der Bar strecken jetzt Hände in die Höhe und feiern mit.
In ihrem Höhenflug spielen sie so ziemlich alles herunter, was in 30 Jahren Rockgeschichte Evergreens und Gassenhauer waren. Sie rocken, krächzen, kreischen, stampfen und schmettern "Smells like Teen Sprit" hinterher und später dann noch "Paradise City". In dem kleinen Mikrokosmos im Alten Kino jedenfalls könnte die Welt an diesem Abend einfach nicht besser sein. THORSTEN RIENTH
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.215,
Montag, den 18. September 2006
, Seite 5