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Alles wie vorhergesehen

Alf Poiers Programm liegt gefährlich nahe beim Erzfeind des Kabaretts, dem Klischee


Ebersberg Wenn es so etwas wie eine Seele der Satire gibt, dann heißt sie wohl Klischee. Denn erst ihre Platitüden und Phrasen machen die Welt unerträglich genug, um sie zu demontieren; erst sie bringen einen Menschen dazu, Kabarettist zu werden. Dann heißt man zum Beispiel Alf Poier, hat sich eine Narrenkappe auf den Kopf gesetzt und findet sich an einem Freitagabend mit einem Programm namens ¸¸Kill Eulenspiegel" im Ebersberger Alten Kino wieder. Dort schimpft man auf die ¸¸Kasperl-Zeitungen" und erklärt, wie leicht man das ORF provozieren kann, wenn man sich vor - und nicht hinter der Kamera - eine Linie weißes Pulver durch die Nase zieht. Man philosophiert ein bisschen (¸¸im Leben ist immer was zu viel, wie bei Ikea") und verkleidet den obligatorischen Antiklerikalismus in einen schlüpfrigen Scherz: ¸¸Was ist katholischer Sex? Sie legt sich aufs Kreuz und er nagelt sie fest".


Poier müsste seinen steirischen Dialekt nicht annähernd so vehement artikulieren, man errät es auch so: Der Clown kommt aus Österreich und bemüht sich redlich, seinem kulturellen Auftrag nachzukommen - nur gerät er gerade deswegen gefährlich in die Nachbarschaft des Erzfeinds Klischee. Einfach weil hier alles drin ist, was man von Kabarett aus dem demoralisierten Habsburgerreich so erwartet: Echt österreichischer, schwarzer Humor mit applizierten Totenköpfen, eine Hitler-Stimme aus dem Off, derbe Medienschelte gespickt mit quasi-lebensphilosophischen Erörterungen und der dazugehörigen destruktiven Grundstimmung. Wo geliebt wird, wird auch gestorben und wenn es um"s Mensch-Sein geht, stellt sich heraus, dass der Österreicher halt doch aus Schweinefleisch, Bier und Kartoffeln besteht. Na bravo.


Eigentlich schade, dass Poier sich gleich in den ersten Minuten zum ¸¸Tod durch geistigen Selbstmord" verurteilt hat, denn ganz frei von Charme sind die Kinderfragen des vorgeblich scheintoten Narren nun nicht. Am Ende, so hatte der Kabarettist zu Beginn treuherzig-hinterlistig versprochen, werde alles gut ausgehen. Ob das stimmt, konnte an diesem Abend nicht überprüft werden: Poier musste den Auftritt nach der Pause wegen stimmlicher Probleme abbrechen, will aber einen Ersatztermin anbieten. Und, wer weiß, vielleicht verstehen wir dann, was die ¸¸Kami-Katze" Poier wirklich dazu treibt, sein Programm mit einem Kopfschuss zu beginnen. LENA GRUNDHUBER


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.122, Montag, den 29. Mai 2006 , Seite 5
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