Musikkabarett im Alten Kino
Mozart als Rossinis Ghostwriter
Jörg Maurer findet einen wohltuend distanzierten Zugang zum Jubilar
Ebersberg Das Mozartjahr ist allgegenwärtig. In Konzerten, Lesungen, Ausstellungen und auch beim Kabarett. Dabei allerdings schwant einem nichts Gutes: Ausgelutschte Gags über das Wunderkind, Spekulationen über sein verschwenderisches Leben und seinen frühen Tod sind zu erwarten. Auch der Münchner Musikkabarettist Jörg Maurer war nun mit einem Mozart-Programm im Ebersberger Alten Kino - und das war wider Erwarten eine feine Sache. Denn Maurer langweilt sein Publikum nicht mit Details aus dem Leben des Komponisten. Er will Mozart weder erklären, noch verstehen. Vielmehr nimmt er biographische Daten als Ausgangspunkt für skurrile, offensichtlich fiktive Geschichten.
Nicht gestorben sei Mozart mit 35 Jahren, nein, er hätte nur keine Lust mehr auf den ganzen Trubel um seine Person gehabt und sich nach Italien zurückgezogen. Dort habe er dann Rossinis Vater getroffen, der voller Ehrgeiz an der musikalischen Karriere seines Sohns gearbeitet habe. Weil der Sohn aber gar so unmusikalisch war, wurde Mozart sein Ghostwriter. Diese abenteuerliche Geschichte präsentiert Mauer als postmoderne Kurzsonate in atemlosen Sprechgesang.
Überhaupt hat Musik zentralen Stellenwert bei Maurers Gedankengebäuden, die er rund um Mozart aufbaut. Und gut so, denn seine Interpretationen zeigen deutlich, dass es weder ¸¸die" komplett erforschte Person Mozart gibt, noch ¸¸die eine" Art und Weise, seine Musik zu spielen. Die Erschaffung der Menschheit und der Untergang der Welt wird hier ein fröhliches ¸¸Apokalypserl", die C-Dur-Sonate wird produziert von ¸¸hoch begabten Säuglingspatschehändchen".
Maurer lässt sich beim Mixen der Musikstile auf dem Flügel nicht hetzen und gibt jedem Moment durch seine Mimik und die Art und Weise, wie er die Tasten anschlägt, Pathos. Wenn er ein Adagio von Mozart in zum Einschlafen langweiligem Tempo spielt, kann sich das Publikum im Alten Kino vor Lachen kaum halten.
Fast oberlehrerhaft wird der Musikkomödiant, als er dem Publikum die Zusammensetzung einer Sonate aus Haupt- und Nebenthema und Läufen (¸¸Ich nenn" das immer Schmarrn") darlegt. Während dann in der ersten Reihe fleißig Schilder mit den musikalischen Begriffen in die Höhe gehalten werden, ersetzt er die zwei Themen mit Schlagern. Herauskommt eine gelungene Mischung aus Abba und Mozart.
Keinen Schenkelklopfer-Humor, sondern feinsinnig-intelligentes Musikkabarett präsentiert Jörg Maurer im voll besetzten Alten Kino. Da vergisst man völlig, dass der ganze Rummel um das Geburtstagskind und Ausstellungen wie ¸¸Mozarts zweistündiger Aufenthalt in Würzburg" eigentlich ziemlich nerven. ANDREA GEISSLITZ
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.118,
Dienstag, den 23. Mai 2006
, Seite 5