Bittersüße Freitagabendcomedy
Unterhaltsam statt tiefgründig: Birgit Süß im Alten Kino
Ebersberg
Nomen ist eben doch nicht immer Omen - zumindest diese Erkenntnis haben
die Besucher des Alten Kinos in Ebersberg am Freitagabend mitgenommen.
Birgit Süß war mit ihrem Comedy-Programm ¸¸Süßstoff" zu Gast. Was nach
zuckersüßen, harmlosen Scherzen klingt, war tatsächlich eine mal
bitterböse, mal zum Schmunzeln anregende Abhandlung über verschiedene
kuriose Alltagssituationen.
Ein
bisschen erinnerte die Würzburgerin an die geschwätzige, aber dennoch
sympathische Nachbarin, die keinen Klatsch auslässt. Dabei gewährte sie
tiefe Einblicke in die Denkweise einer unzufriedenen Dame in der
Midlife-Crisis, die ein Leben lang von Männern enttäuscht wurde und
diesen Frust mit Stereotypen über das andere Geschlecht zu kompensieren
versucht. In brachialem Fränkisch berichtete sie über ¸¸schnellen Sex
auf dem Tresen", Duftkerzen von Ikea und ¸¸Nivea-Schlampen", die
T-Shirts mit der Aufschrift ¸¸Bitch" über den ¸¸Silikon-Titten" tragen.
Vermutlich
schien sich auch deshalb das weibliche Publikum mittleren Alters
besonders gut mit dem Programm identifizieren zu können. So blieben
zustimmende Zwischenrufe nicht aus. Wer allerdings tiefgründiges
Kabarett sehen wollte, war am falschen Ort. Dem Publikum bot sich
vielmehr eine zwar relativ seichte, dafür aber recht unterhaltsame
Freitagabendshow, die es ohne weiteres mit den populären
Comedy-Sendungen privater Fernsehsender hätte aufnehmen können.
Das
wahre Können der preisgekrönten Komikerin zeigte sich erst bei den
zahlreichen Gesangseinlagen, die dem Namen des Programmes ¸¸Süßstoff"
alle Ehre machten. Eine völlig gewandelte Süß bezauberte das Publikum
mit einer sanften Stimme. Egal ob französische Chansons, englische
Popsongs oder deutschsprachiger Jazz - die Unterfränkin beherrscht eine
breite Palette. Aus der derben Komikerin wurde urplötzlich ein zartes
Geschöpf, das melancholische, aber auch hoffnungsvolle Lieder über
unerfüllte Liebe, den Tod oder über ein Fischstäbchen sang, das sich
nach dem weiten Meer sehnte.
Publikumsliebling
war allerdings ein anderer: Heiko Heinz, der seine Chefin während der
Gesangseinlagen auf seiner Akustik-Gitarre begleitete und ansonsten mit
seinem Instrument auf einem Barhocker saß, gelangweilt Löcher in die
Luft starrte, ab und an ein Gähnen unterdrückte und Kaugummi kaute. Die
überraschende Wende bei der Zugabe: Heinz durfte ein paar Sätze ans
Publikum richten und ein Lied singen. Also beklagte er sich, dass er
diesen ganzen ¸¸Emanzenhumor"satt habe und nur noch nach Hause wolle.
Er war es, der dem Programm eine Pointe gab, den plumpen Scherzen
seiner Chefin einen Sinn verlieh. Manchmal sind sie eben doch für etwas
gut, die Männer.
BARBARA FUHRMANN
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.94,
Montag, den 24. April 2006
, Seite 5