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Auf der Schattenseite der mobilen Gesellschaft

Kabarettist Claus von Wagner findet im Alten Kino einleuchtende Gründe für die demographische Krise


Ebersberg N un hat der demographische Wandel, das Problem des Kinderkriegens, Einzug ins Kabarett gehalten. Nicht als platter Witz über die Geburtenrate, sondern als fein gesponnenes Stück über die Ängste der ¸¸Generation Praktikum" und die Abgründe der modernen Gesellschaft. ¸¸Im Feld" hat der 28-jährige Claus von Wagner sein satirisches Echtzeit-Theater genannt. Es ist ein Feuerwerk aus hintersinnigem Witz, kuriosen Gedankensprüngen und wohl platzierter Kritik an Politik, Wirtschaft und jedem einzelnen Deutschen.


Die Handlung spielt auf dem Münchner Gärtnerplatz. Hier campiert ein junger Mann, von seiner schwangeren Ex-Freundin aus seiner Wohnung vertrieben. Er ringt um Argumente, warum er kein guter Vater sein kann oder sein will. Gründe für seine Ex-Freundin, das Kind nicht zu bekommen, Gründe auch für ihn selbst.


Geschickt springt Claus von Weber zwischen den Ebenen: Er verknüpft Alltag, Beobachtungen und Erlebnisse in atemberaubendem Tempo mit Gesellschaft und Politik. Seine Gedankensprünge bestechen durch eine kuriose Logik, die abstrus und doch einleuchtend ist. Kleine Orangensaftgläser im Hotel führen ihn zur Entschädigung von Bahngästen für Verspätungen. Vom Bartwuchs zur Verfolgung von Terroristen durch die USA, von Blumenbeeten zu Hitlers Kriegsführung ist es bei ihm nur ein Katzensprung.


Ausgangspunkt seiner Ausführungen ist immer wieder die Flucht vor der Vaterschaft. Bindungsangst hat er, genau wie die deutschen Unternehmen. Deshalb ist er Freiberufler. Das bedeutet keine Freiheit, sondern Unsicherheit. Keine gute Basis für ein Kind: ¸¸Wie soll ich mich auf ein Wagnis einlassen, das 18 Jahre dauert?" Er hadert mit seinem ¸¸Pech". Schließlich ist Vater werden in einer mobilen Gesellschaft, in der alle immer unterwegs sind, statistisch so gut wie unmöglich. Der einzige Ort, wo man überhaupt noch Kinder machen könne, sei der ICE. Deutschland ist kein Land mit guten Aussichten für Kinder. Und braucht sie trotzdem. Frau von der Leyen allein kann das nicht leisten, meint der junge Camper. Doch er will auch nicht unbedingt, jedenfalls nicht in einem Land, dass von Politikern regiert wird, die sich verhalten wie ¸¸schwer Erziehbare".


Claus von Wagner bringt nicht nur den persönlichen Konflikt des Vaters, der keiner sein will, auf die Bühne. Die Parallelhandlung bildet die Medienberichterstattung über den Camper auf dem Gärtnerplatz. Sie zeigt die Karriere eines Themas, die Absurdität der von Medien geschürten Ängsten. In den Beiträgen der Reporter wird der junge Mann binnen kurzer Zeit vom Installationskünstler zum religiösen Terroristen. Realität und Fiktion verschwimmen mehr und mehr. Scharfschützen vertreiben den vermeintlichen Rebellen schließlich vom Gärtnerplatz - und hin zu seiner Ex-Freundin und dem Ungeborenen


ANDREA GEISSLITZ


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.84, Montag, den 10. April 2006 , Seite 5
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