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Kabarett im Alten Kino

Aus dem Leben eines gescheiterten Filmhelden

Zuschauer belohnen Michael Ehnerts selbstironische Einblicke in seine Seele mit ¸¸Bravo"-Rufen


Ebersberg Eine intellektuelle Abhandlung über das Erwachsenwerden und die Identitätssuche eines jungen Mannes, gewürzt mit scharfen Pointen und Selbstironie - das hat die Besucher des ¸¸Alten Kinos" in Ebersberg am Freitagabend erwartet. Der Kabarettist Michael Ehnert stand mit seinem ersten Soloprogramm ¸¸Mein Leben" auf der Bühne. Bekannt wurde der Hamburger durch das preisgekrönte ¸¸Bader-Ehnert-Kommando", dessen eine Hälfte er war. Entsprechend gut gefüllt war auch der Saal.


Mit seinem autobiographischen Exkurs stellt Ehnert erneut unter Beweis, dass er ein echter Allrounder ist. Er formt Kabarett, Schauspiel und Film zu einer Einheit, schlüpft immer wieder in neue Rollen. Mal ist er sein sechsjähriges Selbst, mal der stotternde Regisseur einer Krankenhausserie, dann eine Schamanin. Unübersehbar sind seine Schauspielausbildung und jahrelange Bühnenerfahrung. Mit vollem Körpereinsatz und feiner Mimik gewährt er dem Publikum tiefe Einblicke in die Seele eines krisengeplagten Kabarettisten. Ehnerts Paraderolle ist die Marlon Brandos in ¸¸Der Pate", welche sich wie ein roter Faden durch die Aufführung zieht. Brando ist der Held seiner Jugend, dem er ein Leben lang nachzueifern versucht, woran er aber scheitert. Ehnert spielt den Verlierer, den Mann ohne Courage, der durch Imitationen seiner Idole aus der bitteren Realität zu entkommen versucht.


Am Ende jedoch stürzen die aufgebauten Luftschlösser ein. Ehnert findet sich selbst. Die Filmhelden sind aus seinem Leben verschwunden. Es wird leise, fast poetisch. Was übrig bleibt, ist die Erkenntnis, dass es keine Bösewichter gibt, sondern nur ¸¸Spacken aus Angst". ¸¸Mein Leben" ist kein Programm für Liebhaber seichter Comedy. Streckenweise ist es aufbrausend und laut, dann stimmt es nachdenklich und melancholisch.


Ehnert beschreibt nicht nur sein Leben. Er stellt auf tragikomische Weise die Gesellschaft in Frage - eine Gesellschaft, die nichts zu Ende bringt, keine Courage zeigt. Was den Kabarettisten außerdem groß macht, ist seine Spontaneität, mit der auf das Publikum eingeht. Nur ein Zuschauer war davon vermutlich eher wenig begeistert - und zwar derjenige, der während der Aufführung die Toilette aufsuchte. Ihm rief Ehnerts Alter Ego Marlon Brando hinterher: ¸¸Warum bist du nur so respektlos, mitten in der Nummer aufs Klo zu gehen." Die anderen Zuschauer hingegen honorierten die grandiose Darstellung. Lang anhaltender Applaus und ¸¸Bravo"-Rufe holten den Kabarettisten am Ende gleich mehrmals auf die Bühne zurück.


BARBARA FUHRMANN


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.78, Montag, den 03. April 2006 , Seite 2
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