Jenseits von
Chemnitz
Die Lach-
und Schießgesellschaft im ¸¸alten kino"
Ebersberg Gut und Böse sind antiquierte Kategorien. Brauchbar für Märchen.
Bestenfalls. Heute heißt das Corporate Social Responsibility, zum Beispiel,
oder Shareholder Value. Das sind Begriffe jenseits von Gut und Böse, Begriffe
aus ¸¸Jenseits von Oz". Literarisches Vorbild dieses riskanten
Unternehmens der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ist Lyman Baums ¸¸Zauberer
von Oz", das sich als Blaupause für eine Parabel auf den Niedergang des
Gemeinwesens geradezu anbietet. Drei seltsame Gestalten schließen sich der
kleinen Dorothy aus Kansas (oder soll es doch Chemnitz heißen?) an: eine
Vogelscheuche, die den Zauberer um Verstand bitten möchte, ein Zinnmann, der
sich ein Herz wünscht und ein Löwe, dem der Mut fehlt. Wo nur Stroh, Blech und
leere Worte das ¸¸sehr alte Land" Oz stützen, droht der Zusammenbruch.
Der Großmeister der Blödelei, Ecco Meineke, personifiziert als Vogelscheuche
den Prototypen des modernen Unterhaltungswesens, das den hehr formulierten
Bildungsauftrag des Fernsehens auf den Kopf stellt. Das Niveau orientiert sich
am Dümmsten, damit im demokratischen Gemeinwesen jeder mitkommt. Die Auswüchse
der Gewinnmaximierung zeigt Michael Morgenstern als herzloser Blech-Zyklop in
einer bitteren Parodie auf die Heilsversprechen der Globalisierung. Wenn das
Pharmaunternehmen ¸¸Novartis" Saatgut so manipuliert, dass es sich nicht
mehr selbst reproduziert, ist das ein zweifelhafter Gewinn. Thomas Wenke als
regierender Löwen stottert dazu Zitate heraus, die - aus ihrem historischen
Kontext gerissen - wie geradewegs idealtypische Exkulpationen der mangelnden
Entschlusskraft wirken. Kennedys Aufruf an die Bürger ¸¸Fragt nicht, was euer
Land für euch tun kann, sondern was ihr für euer Land tun könnt" taucht
genau so auf, wie der neuerdings inflationär zitierte Helmut-Schmidt-Ausspruch
¸¸Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen."
Dazwischen taucht noch Adolf Hitler auf als Vordenker der antiautoritären
Erziehung auf, Gottlieb Schreber, Erfinder des berühmten Schrebergartens als
beklemmend-biederer Experimentalpädagoge, Hexen und plappernde
Spielshowkandidaten. Inmitten dieses irren Dramas Sonja Kling, die sich als
naives ¸¸Dings" Dorothy grob herumschubsen und übel angrapschen lassen
muss. Angereichert ist die ganze bunte Gesellschaftsfarce mit schrillen
Episoden, Abschweifungen, Gags und Slapsticks, die durch Spielbrücken zeitweise
zu erheblichen Längen führen. Autor und Regisseur Michael Ehnert hätte hier
dramaturgisch gut daran getan, zu straffen oder sich für einen lockeren
szenischen Ablauf zu entscheiden. Hier hat ihm der Mut des Löwen gefehlt.
Ansonsten: Gut gebrüllt! GREGOR SCHIEGL
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.90, Montag, den 19. April 2004 , Seite 2