Ganz einfach über die Subdominante geklimpert
Martin Schmitt präsentiert im "alten kino" atemberaubende Virtuosität mit nonchalanter Beiläufigkeit
Ebersberg - So kennt man ihn: Er sitzt auf seinem Klavierhocker fast wie in einem Damensattel. Die Beine sind leger nach rechts abgewinkelt. Seine Finger schwirren mit unverschämter Lässigkeit über die Tasten. Martin Schmitt beobachtet interessiert lächelnd die Zuhörer in der ersten Reihe. So als wolle er die Wirkung keiner seiner musikalischen Salti mortale verpassen, die ihm unablässig von seinen Zauberfingern purzeln. An den Mienen der zahlreichen Zuschauer, die am Freitag Abend zu seinem Boogie-Woogie-Konzert ins "alte kino" geströmt sind, spiegelt sich wieder, was Schmitt eigentlich, weiß, wissen muss: Er ist einfach eine Klasse für sich. Ein Überflieger.
Wer Martin Schmitt noch nie gesehen und gehört hat, könnte meinen, zwei Stunden lang auf einem Stuhl zu kleben und einen Boogie nach dem anderen zu hören müsste bei aller Kunstfertigkeit irgendwann fad werden. Aber er irrt. Irrt gewaltig. Schmitt demonstriert eindrucksvoll die Vielfalt dieser Musik, vom frühen Boogie, der sich immer so nett nach Vertonung einer Stummfil-Klamotte anhört, über das technisch hals-, pardon, fingerbrecherische Harlem Stride Piano bis zum wuchtigen New Orleans Style. Alles, was Rang und Namen hat in der Boogie-Literatur hämmert Schmitt in die Tasten: Fats Waller, James P. Johnson, Randy Newman, Willie "The Lion" Smith, Teddy Wilson, Albert Ammons, Meade "Lux" Lewis und Pete Johnsin. Dass manche dieser Musiker den Ehrgeiz hatten, möglichst schwierige Stücke zu konzipieren, ficht Schmitt nicht an. Im Gegenteil: Technische Todesfallen sind sein bevorzugter Tanzboden. Und der Mann hat die Coolness, dabei zu lächeln. Schmitt verblüfft sein Publikum gerne. Nicht nur technisch, auch inhaltlich. Ein Gipsy-King-Stück des "Rosenberg Trios" adaptiert er für das "Bösendorfer Piano", das berühmte Rachmaninoff-Prélude in cis-moll brezelt er nebenbei in einen Boogie. Dazu erzählt er schräge Anekdoten. Von einem Boxer, der auf seine alten Tage Pianist wurde, um schließlich den "Pianistentod" zu sterben - nämlich von hinten erschossen zu werden. Von Buddy Bolden, der sich in seiner kreativen Hybris für niemand Geringeren als den "Inventorof Jazz" hielt.
Martin Schmitt, der Zauberer an den schwarzen und weißen Tasten, geht den umgekehrten Weg. Er macht sich unglaublich klein. Wie als Parodie auf die Playback-Unkultur seriell synthetisierter Popstarts dreht er irgendwann einen unsichtbaren Lautstärke-Knopf nach links. Das Klavier verstummt schlagartig. Martin Schmitts Show zielt darauf ab, das was er tut, lächerlich einfach erscheinen zu lassen.
Aber jeder weiß, dass Schmitt hier in jeder Tonlage schwindelt. Es ist wohl die leise Ironie eines lauten Virtuosen.
Von Gregor Schiegl