Georg Schramm im "alten kino" von Ebersberg

 

Das politische Kabarett ist noch nicht ganz tot

Das Publikum erlebt eine Abrechnung mit den herrschenden Verhältnissen - und wird nachdenklich

Ebersberg - Als Oberstleutnant Sanftleben hat er ein paar Tage vorher noch den letzten Hildebrandt-"Scheibenwischer" gerettet, am Sonntagabend gab er sich im "alten kino" Ebersberg die Ehre. Georg Schramm gilt als einer der letzten, der dem klassischen politischen Kabarett noch Sinn verleiht. Und erwartungsgemäß treffen seine politischen Pfeile auch in der ausverkauften Ebersberger Bühne wieder voll ins Schwarze. Behende wechselt er zwischen seinen Figuren, die er auf faszinierend authentische Weise verkörpert: Den braven, sozialdemokratische Drucker August, den Kameraden Sanftleben, den nicht minder menschenverachtenden Motivationstrainer und den verbitterten, preußischen Rentner Dombrowski mit der Handprothese.

Stammelnd kann Drucker August sein Glück kaum fassen, als sein Chef ihm dem alten Klassenkämpfer, zum Jubiläum die Hand schüttelt. Resignierend muss er allerdings konstatieren, dass es Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung mangels Arbeiter bald vielleicht schon nicht mehr gibt. Oberstleutnant Sanftleben widerlegt Clausewitz anhand der jüngsten Kriege und ist im übrigen Rot-Grün dankbar mittels des Balkankriegs, "der Mutter aller Schlachten für uns Deutsche", das Land wieder in das Orchester der Krieg führenden Nationen geführt zu haben. Natürlich nicht gleich an der ersten Geige, aber immerhin.

Schramm bietet mit seinem Programm eine treffend genaue Analyse deutscher Befindlichkeit. Er begeht dabei aber nicht den Fehler auf tagespolitischen Fragen zu verharren, sondern behält stets die großen Zusammenhänge im Blick. Die findet er oft im Kleinen. Die anstehenden Sozialreformen etwa, werden lediglich durch ein immer wieder zusammenhanglos eingefügtes "AOK" in den hessisch gebrabbelten Reden des Druckers August gewürdigt. Schramms Darbietung begeistert und ist lustig. Dabei ist sie aber doch von einer Ernsthaftigkeit geprägt, die das Publikum eher nachdenklich werden lässt. Doch was hat dies alles mit dem Titel "Mephistos Faust" zu tun? Es kann ja nicht nur die fehlende Faust Dombrowskis gemeint sein. Doch ein Geist, der stetiger verneint als dieser latent faschistische Rentner, lässt sich aber auch kaum denken. Die Person des Motivations- und Managementtrainers verkörpert darüber hinaus geradezu in idealer Weise die Verlockungen eines modernen Mephistos. Er empfiehlt sich mittels Autosuggestion zur Minderheit der Sieger aufzuschwingen. "Armut heißt arm an Mut", kein Mitleid mit Verlierern, die haben es nicht anders verdient. Doch wer Schramm gesehen hat, ist mit Sicherheit nun reicher.

Sebastian Otter