Klassik und Klamauk mit vollem Körpereinsatz
In der fülligen Welt der preisgekrönten Kabarettistin ist Platz für Witz, Brillanz und platte Zoten
Ebersberg - Ein Rubens- GogoGirl räkelt und windet sich in lasziven Posen am Kontrabass. Die selbst ernannte Sexgöttin aus Neumarkt in der Oberpfalz Lizzy Aumeier ist am Freitag Abend im "alten kino" an ihrem Instrument zugange. Sie haut den Bogen in die Saiten ihres wuchtigen Instruments und spielt "Smoke on the Water", bis das Rosshaar sich büschelweise von ihrem Bogen löst. Als Kontrapunkt sitzt die nicht minder massige ukrainische Pianistin Tatjana Shapiro am Bösendorfer-Flügel- allerdings ernst wie eine züchtige viktorianische Ikone. Sie spielt Beethoven, diszipliniert, konzentriert, virtuos. Simultan, versteht sich.
Die drei Komponenten, aus dem die begnadete Musikerin und veritable Kabarettistin Lizzy Aumeier ihr preisgekröntes Programm mit dem programmatischen Titel "Aufbass'd" arrangiert hat, sind Musik, Erotik und ein Schuss Regionalethnologie, in der sie unter anderem die verbal reduktiven Anmachen von Schwaben ("Hasch Luscht?") Oberbayern ("Geht wos?"), Franken ("Allmächt") und Oberpfälzern ("Oah") ausbreitet.
Von Anfang bis Ende spielt Lizzy Aumeier mit vollem Körpereinsatz. Der Kontrabass ist bei ihr mehr als bloßes Musikinstrument, es ist ein sinnliches Requisit, das, genauso massig gebaut wie sie, eine neue emanzipatorische Koordinate in ihrer Ästhetik setzt. "Mein Körper ist mein Kapital" schreibt sie den "dürren neidischen Blondinen" gleich zu Beginn ins Stammbuch. "Diszipliniert" plündere sie täglich um 23 Uhr den Kühlschrank. Auch wenn sie keinen Hunger hat. "Sonst bin ich gleich sechs Kilo unten."
Lizzy Aumeier hat leider auch einige schwache, weil blöde abgekupferten Pointen in ihrem Programm. Die Erzählung, dass sie und Tatjana Shapiro beim gemeinsamen Nacktbaden wegen ihrer Leibesfülle von Greenpeace- Aktivisten ins Meer gezogen worden seien, sind Witz mit Damenbart, die dem Potential einer Lizzy Aumeier unwürdig sind. Dass das Publikum trotzdem über so manch einen abgegriffenen Witz lachen kann, ist Aumeiers unwiderstehlicher Mischung aus Charme und Bühnenpräsenz zuzuschreiben.
Einem hohen kulturellen Anspruch von "Aufbass'd" räumt sie offiziell nur die angekündigten eine Minute fünfzig Sekunden ein, eben die Zeitspanne, die ihre atemberaubende Interpretation einer Paganini-Variation auf dem Kontrabass umfasst. Natürlich ist auch dies nur kalkulierter Affront gegen das Bildungsbürgertum. Und doch: "Aufbass'd" enthält auch ein gerüttelt Maß an trashiger Comedy, das Lizzy Aumeier, im Verbund mit ihrer sauertöpfisch ernsten Pianobegleitung in bester Unterhaltungsform vermittelt. Doch im Pantheon der Künste steht die Diva immer noch eine Stufe über der Sexgöttin. In diesem Sinne ist Tatjana Shapiro die heimliche Heldin von "Aufbass'd", leise, piano, pianissimo. Bravo.
GREGOR SCHIEGL