Ebersberg - Eigentlich will die fette Annelies bloß abnehmen. Zu diesem Zwecke besteigt sie einen Berg, schläft ein, rollt, kugelrund wie sie ist, den Abhang hinab und stürzt ab. Saudumm gelaufen. "Wenn Herz und Lunge ein Meter weit auseinander sind, braucht man auch nicht mehr an Reanimation zu denken." Das sitzt. Die junge Kabarettistin Martina Schwarzmann legt bei ihrem Auftritt am Freitag Abend im "alten kino" eine kindliche Freude an brutalen Formen des Ablebens an den Tag – und noch mehr Spaß an Ferkeleien des Trieblebens. "Vom Diezel bis zum ersten Straps" nennt die erst 24-jährige Komikerin aus der tiefsten oberbayerischen Provinz, Überacker, ihr lose aufgereihtes Nummernprogramm. Feste Bestandteile darin sind "Sex & Crime"und die Wunderlichkeiten der Provinz. Das wäre erstklassiger Humus für moralisierende Kleinkunst.
Aber Martina Schwarzmann erzählt Moritaten lieber ohne Moral: Der Postbote liefert den mit Namen versehenen Pornokatalog an den Nachbarn. Eine Nonne wird von einer Kerze schwanger, weil die Ministranten draufgewichst haben. Dem Nachbarskind, das man zum Babysitten übernommen hat, werden von einem Kampfhund Arme und Beine abgerissen. Die Moral von der Geschichte? "Saudumm gelaufen". Es gibt "Scheißdog" und "verschärfte Scheißdog". Von letzteren ist die Rede. Martina Schwarzmann versucht nicht die Welt zu erklären. Sie erzählt nur von ihr in schrägen kleinen Anekdoten und gelungenen Liedern auf der spanischen Konzertgitarre. Und so bizarr die Geschichten sind. Die Situationen erkennt jeder Zuschauer wieder.
Etwas, das das Programm wie einen roten Faden zusammenhalten würde, ist nirgends zu entdecken. "Vom Diezel bis zum Straps" ist ein kabarettistischer Gemischtwarenladen voller witzigem Krimskrams. Gerade noch spricht Martina Schwarzmann davon, wie sie gezeugt wurde, um kurz darauf vom "matschigen Semmelknödel" zu erzählen, der in einem chinesischen Königshaus verheerende Auswirkungen hat. Etwas unelegant wirkt es schon, wenn jede Überleitung mit "Das nächste Liadl" beginnt. Andererseits passt das vielleicht auch ganz gut zum Stil der Martina Schwarzmann einfach grob etwas auf die Bühne zu klotzen. Bei ihr darf es hässlich, peinlich, ja, auch bescheuert sein. Solange es witzig ist. Und das ist es bei ihr glücklicherweise immer. Unauslöschlich ins Gedächtnis eingegraben hat sich Martina Schwarzmann mit ihrem Lied von Fleischfachverkäuferinnen-Fetischisten, der von der Angebeteten immer lispelnd gefragt wird: "Derfs a bisserl mehr sei?" Alle Kabarettfetischisten werden Martina Schwarzmann unisono ein "Aber bitte sehr!" entgegenschmettern. GREGOR SCHIEGL