Ebersberger SZ vom 14. April 2003

Zimmerschieds Programm "Diddihasi" im "alten kino"

Ein Kampfhund bei der Pudelshow
Der niederbayerische Kabarettist wehrt sich gegen die verbale Selbstzähmung, die Kritiker von ihm fordern

Ebersberg - Ein Bullterrier springt durch keinen Reifen", sagt Sigi Zimmerschied. Und damit meint er sich. Zimmerschied ist ein wilder Hund, der derbe Worte spuckt in einer Arena spastischer Unterhaltungspudel und kritikasternder "Springer-Gesellen". Sein Programm "Diddihasi", das er am Freitag Abend im gesteckt vollen "alten kino" zeigt, ist ein demonstratives, ein trotziges Scheitern in Sachen Selbstdressur.
Die Welt der "Diddihasis" und der "Luttigaggis" erzeugen in Zimmerschied Würgereflexe, deren er nur durch verbale Amokläufe Herr wird. "Diddihasi" ist für den unzähmbaren Niederbayern der Inbegriff der Verniedlichung - intellektuell, sprachlich und charakterlich. Gut, Zimmerschied bemüht sich phasenweise redlich darum das zu umgehen, was ein Kritiker bei Zimmerschied naserümpfend als "anale Abundanzen" bezeichnet hat. Aber dann bricht es aus Zimmerschied doch wieder unkontrolliert heraus wie bei einem Tourette-Kranken. Im nächsten Moment dann das gespielte Entsetzen: "Habe ich Arschloch gesagt?" Klar hat er. Und bei allem Getue, er könne nicht anders: Zimmerschied meint, was er sagt, und anders als er es sagt, kann er es nicht sagen, und will es auch nicht.
Diddihasi" ist ein Rundumschlag in der Kulturszene. Er ist nicht sehr differenziert, oft unfair und schreckt auch nicht vor dem persönlichen Angriff zurück - wie etwa gegen den Publizisten Michael Skasa. Mit grobem Witz weidet sich Zimmerschied an den fein gedrechselten Phrasen seiner Kritiker, verhöhnt die angemahnten leisen Töne als deren verhaltene "Angstfürze". Auch gegen die Kollegen der eigenen Zunft schießt er mit großem Kaliber: gegen den inszenierten Intellektualismus (mutmaßlich Dieter Hildebrandt) genauso wie gegen das kalauernde Herumgehampele von hippen Comedyspastikern (höchstwahrscheinlich Michael Mittermeier). Was die Bush-Regierung betrifft, ist er sehr wortkarg: "Über Behinderte macht man keine Witze".
"Diddihasi" ist eine nicht sehr nette, aber sehr intelligente Abrechnung mit Zimmerschieds Kritikern. Im zweiten Teil seines Programms lässt er der Reihe nach die Scheinwerfer ausschalten und das wenige Mobiliar von kooperativen (vulgo "opportunistischen") Zuschauern von der Bühne entfernen. Am Ende ist das einzige Licht auf der Bühne das einer Taschenlampe, die er sich in die Nase gesteckt hat und"Atmen" sein einzige Laut. Ganz am Ende das schneidende "Pfft" einer Motte, die im Scheinwerferlicht verbrennt. So klein wird sich der "kleine kompakte Kampfzwerg" Zimmerschied nie machen lassen. Das ist so sicher wie das nächste "Arschloch!"     GREGOR SCHIEGL