Ebersberger Zeitung, 15.10.2001

Arie von der letzten Praline
Matthias Brodowys erstes Programm macht Appetit auf mehr


Ebersberg

"Der Weg von der katholischen Kirche zum Kabarett ist nicht weit. Manche Leute setzen sich dafür eine lustige Mütze auf, aber das braucht man gar nicht." Matthias Brodowy machte sein Publikum im alten kino am Freitagabend hutlos glücklich. Sein erstes Tourneeprogramm "Kaltstart" ist eine Einladung, den "Hans Albers von Hannover" und seine Sicht der Dinge kennen zu lernen. Die Zeit als Messdiener, Organist und schließlich Student der katholischen Theologie war jedoch nicht der alleinige Anlass für den Hannoveraner, ein Kabarettist zu werden. Seine besten Jahre hat der 28-Jährige mit Kohl verbracht. "Um das zu kompensieren habe ich eine Kabarett AG gegründet", erklärt Brodowy. Ganz beiläufig plaudert er über seinen Werdegang und immer wieder eckt seine Erinnerung an: über Alltägliches und Politisches schmunzelt und stolpert der "Wanderer zwischen den Zeilen" mit einer Liebe zum skurrilen Detail.
Die Gewichtreduzierung ist das jüngste Problem des Spätzwanzigers und so wurde sie dem Kanzler gemäß "zur Chefsache erklärt". In der "schematischen" Darstellung des Zusammenspiels zwischen Designerunterhose und eigenem Hintern zeigt sich, dass der Thronnachfolger des virtuosen Sprachgebrauchs auch gut auf seine Stimme verzichten kann. Mit andeutungsvoller Gestik und Mimik kitzelt das ehemalige "Modell für Bauchweg-Trainer" brillant die Lachmuskulatur seiner Zuschauer. Aus der harmlosen, braven Erscheinung des jungen Mannes blitzt das Diabolische hervor.
Sich selbst übertrifft Brodowy am Klavier. Nicht nur seine ausgebildeten Pianistenhände, sondern auch sein Gesang veredeln das Programm. Wie das Rattern eines Schnellzuges wiederholt er seine www - "wirklich wahnsinnig wichtig" - Adresse - und beweist, dass er nicht technikfeindlich ist. "Meinen Beitrag zum Thema deutsche Leitkultur", nennt Brodowy das selbst komponierte "Konglomerat von Ralph Siegel-Songs". Der ultimative deutsche Grand Prix-Beitrag "Lass uns zusammenstehen" kommt bei den Ebersbergern so gut an, dass aus den Reihen der Zuschauer lauthals:
"Anmelden!", gefordert wird. Ähnliche Begeisterung verursacht Brodowys Intonation der "Arie der letzten Praline" aus Mozarts Oper "Don Sarotti".
90 Minuten verfliegen im Brodowy-Rausch mit "Guido "Happy" Westerwelle", dem "lustigen Menschen Peter Hinze", der "Friedrich Merz-Revolution", Labskaus mit Spiegelei und Gedanken über die korrekte deutsche Sprache gegenüber "Eisdealern". "Stellen Sie sich vor, Jesus wäre beim Gang über den See Genezareth ertrunken." Oder: "Adolf Hitler wäre als Maler in Wien erfolgreich und zufrieden gewesen." Folgt man den Gedankenspielen des Niedersachsen über mögliche Veränderungen im Verlauf der Geschichte und deren Konsequenzen, drängt sich die Frage auf: Was wäre gewesen, wenn Matthias Brodowy ein begeisterter Lehrer geworden wäre? Für die deutsche Kabarett-Landschaft wäre es bitterer Verlust. "Immer wenn ich an Essen denke, bekomme ich sofort Hunger", weiht der Mann mit dem "Delikatessschränkchen" die Zuhörer ein. Nachdem diese nun Brodowy kennen gelernt haben, können sie dem Schlussapplaus zufolge diesen Appetit auf mehr gut nachvollziehen.  Anette Vogel