Ebersberger Zeitung, 8. Oktober 2001
Sarkasmus - gut gepolstert
altes kino: Volker Pispers bietet
politisches Kabarett pur
Ebersberg
Keine Aufwärmpointen zum Einlachen, kein Probeklatschen, kein Ausflug in die deutsche Fernsehlandschaft, keine Witze über die Unterschiede zwischen Mann und Frau, keine Beziehungsthemen, kaum Requisiten: Alles, was in den letzten Jahren von zahlreichen Kabarettisten auf die vielen Bühnen gezerrt und dort breitgetrampelt worden ist, das braucht Volker Pispers definitiv nicht. Der Mann bietet Inhalte! Und zwar solche, die für jedermann relevant und interessant sind.
Geschlagene drei Stunden unterhielt er sein Publikum im
alten kino mit seinem Programm "Damit müssen Sie rechnen". Womit? Mit
bestem Kabarett der politisch brisanten Themen, mit Anregung zum Nachdenken, mit
hervorragender Unterhaltung. Das Ganze verpackt in beißenden Sarkasmus, aber
auch gut gepolstert und untermauert mit detailliertem Hintergrundwissen.
Als der Rheinländer nach der Pause wieder auf die Bühne trat, klatschten die Gäste
so begeistert, dass er fragte: "Ist das schon der Schlussapplaus?"
Keineswegs, Pispers war erst auf halber Strecke. Heikle Punkte wurden bei ihm
nicht umgangen, sie kamen gleich mit ins Programm. Kann man überhaupt Kabarett
machen, wenn Terrorismus die Welt bedroht? Man kann nicht nur, man muss sogar.
Wie soll man den sonst seine Brötchen verdienen? Und los ging es auf die
Politiker, und zwar quer durch den ganzen Kanzler-, Minister- und Parteifunktionärsgarten.
Von rot nach grün, von grün nach schwarz, von da wieder zu rot, auch zu rot-grün
und wieder zurück. Kaum einer der deutschen Köpfe der Politikerszene blieb
ungeschoren: der dicke Ex-Kanzler, der eigentlich nie regiert hat, dafür ständig
mit Geldzählen und Leuna-Akten-Fressen beschäftigt war, Angela Merkel, zu
allem bereit, aber zu nichts in der Lage, Rupprecht Polenz, der kleine - Laurenz
Meyer, der große Missgriff der CDU, Kanzler Schröder, ein jovialer, aber
zumindest cleverer Verkäufer, eigentlich der Slatko der Nation, Joschka
Fischer, ein Taxifahrer (egal, wohin die Reise geht, Hauptsache er sitzt am
Steuer), Scharping, der größte Kriegsherr seit Rommel, allerdings läufig.
Aber nicht genug! Auch mit der Gesellschaft rupfte Pispers gehörig ein paar Hühnchen,
vor allem mit den Deutschen ging es streng ins Gericht: Der Solidaritätsstress
bei der Betroffenheit, ganz besonders bei Dingen, die uns nicht betreffen, die
deutsche Stammtischkultur und - natürlich, die dürfte nicht fehlen - deutsche
Leitkultur. "Was ist das eigentlich?" fragte Pispers ins Publikum.
"Was sind die politischen Werte des Westens? Lügen, Betrügen, Meineid
schwören?" Wie kann man von Leitkultur sprechen, wenn mehr Deutsche im
Tierschutzverein als im Kinderschutzbund sind. Wahrscheinlich richte sich der
Fremdenhass vor allem gegen Türken, weil diese noch über eine tief verwurzelte
Kultur und intakte Familienstrukturen verfügen, auf die die Deutschen neidisch
sind. In diesem Szenario wird BSE zum Retter und Creutzfeld-Jakob zum
intellektuellen Fortschritt.
Volker Pispers Kabarett verhält sich zu Comedy genau so, wie er es eingangs
formuliert hatte: wie ein Lieblingsrestaurant zu Hundefutter. Man darf aber
ruhig vom Dreisternerestaurant sprechen. Evi Thiermann