Ebersberger Zeitung, 24.9.2001

Knigge war gestern
Günter Grünwalds Blick auf die Gefahren des Alltags


Ebersberg - Wer politisches Kabarett erwartet, ist bei ihm an der falschen Adresse - das stellt Grünwald gleich zu Beginn klar. Nicht umsonst heißt sein neues Programm "Der Botschafter des guten Geschmacks" - ein Mann, eine Mission. Der Tauberfelder unterhielt das Publikum im alten kino mit seinem humoristischen Blick auf den Dschungel des Alltags.
Offensichtlich befanden sich in den gut gefüllten Rängen einige Kenner und Genießer Grünwalds, die ihm über die schleppenden ersten zehn Minuten mit aufmunternden Vorschusslachern hinweghalfen. "Dem großartigen Komiker und Mann mit einer sensationellen Sexualausstrahlung" - Grünwald augenzwinkernd über sich selbst - gelang es jedoch in den folgenden eineinhalb Stunden spielend, den ganzen Saal für sich zu gewinnen.
Kein Auge bleibt trocken, wenn der "militante Parzifist" schildert, wie er seine Umwelt und seine Umwelt ihn zur Weißglut treibt. Allein ein Besuch im Supermarkt liefert dem detailversessenen Beobachter Stoff für 20 Minuten Unterhaltung. Zum Unmut seiner Mitmenschen selbst sehr darauf bedacht, an der überfüllten Supermarktkasse keine Hektik aufkommen zu lassen, reagiert er allergisch auf alte Damen, die jede einzelne Zucchini anfassen müssen. Man sehe ja nicht, ob sie gerade vorher überprüft habe, wie weit ihr Abszess am After schon aufgeplatzt sei.
Oder der Raucher, der gerade wenn das Essen auf dem Tisch steht, am Nachbartisch auftauche und durch den Qualm seiner Zigarette "Ach, tuat das guat", seufzt. "Des stinkt", klärt der Missionar auf und rät als Gegenmaßnahme, einem Raucher mal genüsslich ins Gesicht zu furzen - weil auch das gut tue. Knigge war gestern.
Mühelos laviert sich Grünwald von den Bauerndeppen, die neuerdings nur noch Pasta al dente löffeln, über nuschelnde Urbayern hin zu Müttern, die Leggins über ihren Cellulitishintern spannen und ihre Kinder mit einem grünwalderisch anmutenden Sprachgebrauch erziehen: "Torben! Du sollst nicht dumme Kuh sagen, du blöder Arsch." Verliert er bei dieser Höllentour doch mal den Faden, hilft ihm das Faxgerät in der Tasche des schwarzen Jacketts weiter.
Derbe ist die Wortwahl des Altmeisters, aber nie unpassend, denn nicht nur seine Heimat Tauberfeld ist ein Dschungel. "Wos weiß man scho?", fragt er zurecht. Oder wussten Sie, dass Hasen eigentlich ein Stanniolfell haben, dass ein Depp sich beim genauen Hinschauen als Volldepp herausstellen kann und dass manch ein vermeintlich hochbegabtes Kind, sich nicht nur verhält wie ein Idiot, sondern tatsächlich einer ist!?
Bei so viel Aufklärungsarbeit ist das Bedürfnis danach, sich mal richtig gehen zu lassen, auch für ausgeglichenen Menschen wie Grünwald unbesiegbar. Brille runter, Jacke weg, T-Shirt aus der Hose und Bier her - für die Dauer einer kurzen, heftigen Lachsalve wird der "Spaßvogel" zum Stammtischbruder. Verschlucktes, Halbsätze und Gesten - gerade mit dem Unausgesprochenen kitzelt er gekonnt das Zwerchfell, verbreitet die proletarische Atmosphäre einer verrauchten Spelunke in der die erschreckensten Einstellungen vertreten werden.
"So was lebt und Schiller musste sterben", empört sich der rekultivierte Botschafter des guten Geschmacks. Schwadroniert über die Missachtung von guten alten Bräuchen, die Wichtigkeit eines allumfassenden Glaubens und seine verworrenen Familienbande.
Nach zwei Stunden läuternder Einmannshow bleibt ein zufriedenes Lächeln auf den Gesichtern zurück. Ebenso effektiv, wie sein Rezept bei Kommunikationsschwierigkeiten - "Ich täusche eine Ohnmacht vor und lauf weg, wenn der Andere den Arzt holt." - ist schließlich Grünwalds Bühnenabgang: "Das mach ich schon seit 15 Jahren so: Ich watschel hinaus und bleibe weg." Schade eigentlich, nun bleibt das Leben wieder den eigenen Geschmacksnerven überlassen.   Anette Vogel