Ebersberger SZ vom 10.05.2001

Ein Chanson für jedes Gefühl dieser Welt
Der Sänger Michael Flannagan begeistert das Ebersberger Publikum mit einer wandlungsfähigen Stimme

Ebersberg - Chansons für jedes Gefühl gab es vor kurzem im „alten kino“ zu hören. Bei Kerzenschein fand sich überwiegend weibliches Publikum ein, denn „wenn rote Lippen singen“ und sich hinter diesen Lippen die Stimme von Michael Flannagan verbirgt, kommt ganz schnell Stimmung auf. Einige Zuhörerinnen wussten bereits, was sie an diesem Abend erwartete und hatten den kleinen Mann mit der großen Stimme vermutlich bereits im Januar mit dem St. Lukas-Gospelchor gehört. Für sein Solo-Programm hat er sich einmal quer durch die Chanson-Kiste gearbeitet und präsentierte das Ergebnis in einer abenteuerlichen Mischung aus lyrischen und lustigen Chansons.

Geografisch bewegte sich Michael Flannagan um die halbe Welt, von der „Bar zum Krokodil“ nach Honolulu und zu den Fidschi-Inseln. Freilich hielt er sich jeweils nur für die Dauer eines Chansons dort auf, um sich ganz ausführlich der, wie er mehrfach betonte, schönsten und wichtigsten Sache der Welt zu widmen, der Liebe und dem daraus resultierenden Leid, den Tränen beim Abschied und der Vergänglichkeit diverser Beziehungen. Als Hommage für alle Frauen, die nur aus lauter Liebe handeln, kam er an Egon nicht vorbei. Und stellvertretend für alle Jonnys dieser Welt besang er den Surabaya-Jonny.

Der ausgebildete Sänger und Gesangslehrer Michael Flannagan ist mit einer wandlungsfähigen Stimme ausgestattet. Er trifft mühelos den Ton eines jungen Mädchens, den lyrischen oder rauchigen Ton einer reiferen Frau oder aber den seiner Geschlechtsgenossen, wenn er vom Chanson ins Operettenfach wechselt und erklärt, wie gern er die Frau’n geküsst habe.

Gern lassen sich auch die Zuhörerinnen von Klassikern betören wie „Bei dir war es immer so schön“. Vor allem versteht es Michael Flannagan meisterhaft, sich selbst in Szene zu setzen und die Lieder mit entsprechenden Geschichten zu garnieren. Es ist zu komisch, wenn er die bei einer Verabredung im Café zwangsläufig entstehende Depression beschreibt oder über die Gefährlichkeit von Zigaretten sinniert.

Trotz aller Komik sind Michael Flannagans Mimik und Gestik in erster Linie auf den Flirt mit dem Publikum ausgerichtet, insbesondere natürlich auf die Frauen. Zudem bedient er sich einer mehrdeutigen Sprache mit starkem Akzent und sinnlich betörender Sprachmelodie. Er hat damit bestechenden Erfolg. Perfekte, aber dagegen völlig unauffällige Arbeit leistet der Mann am Klavier, Burkhard Perkens-Golomb, der das gesamte Programm mit großer Souveränität bestreitet – und gelegentlich auch lächelt.

THERESIA GLAS