Ebersberger SZ vom 19.03.2001

Nachtleben in der Kreisstadt
Saturday Night Fever in Ebersberg
In allen Sälen ging es hoch her: Ein Aufschwung für Wochenendvergnügungen ist zu verzeichnen

Ebersberg - Ebersberg gilt zwar von jeher als „Perle des Münchener Ostens“, doch war diese Bezeichnung immer eher auf den Erholungswert und die Beschaulichkeit der Kreismetropole als Ziel von Ausflüglern und Sommerfrischlern gemünzt, weniger auf das, „was hier geboten“ war. Daran hat sich aber in den letzten Jahren gewaltig etwas verändert. Schon immer gab es die Sieghartsburg mit ihrem großen Saal, seit 1992 gibt es das phantastisch laufende „alte kino“ und neuerdings, nach der Pleite mit dem ersten ungeschickten Pächter, das Café im Klosterbauhof als angesagte „Kultur-Location“.

Und wer am vergangenen Wochenende in Ebersberg unterwegs war, wird angesichts des brodelnden Nachtlebens seinen Augen nicht getraut haben. Im „alten kino“ war – inzwischen ein eingeführtes und beliebtes gesellschaftliches Ereignis – der fünfte Clubabend angesagt. Und es war gesteckt voll in der geschmackvoll auf Salon getrimmten Kleinkunstbühne. Lichterketten, Topfpflanzen und gedämpftes Licht und dazu, in bewährter Manier von DJ Wasti aufgelegte „Schellack-Souvenirs“ von Duke Ellington bis Frank Sinatra. Aber auch eine Überraschungsband gehört zu diesem Event: zum zweiten Mal spielte Josefs Ametsbichlers Orchester „Swing La Moderna“, verstärkt durch die Schönheit Petra Scheeser mit ihrer wundervollen Jazz-Stimme. Bei Whiskey und Zigarren konnte man es hier trefflich aushalten. Das weiß auch Landrat Hans Vollhardt, der mit seiner Lebensgefährtin eine heiße Sohle auf’s Parkett legte.

Nahtlos konnte man nach dem ersten Set des Ametsbichler-Ensembles im Regen im Slalom durch die Pfützen zum Klosterbauhof huschen, wo die Landkreisformation „Dee Jam“ sich zu spielen anschickte. Auch hier vibrierte das Haus. Nach zehn Uhr – man wartete das Ende des Münchener Lokalderbys ab – legten sie los. Mit einem schnellen, soliden Funk der guten Schule pumpten sie die Stimmung hoch und erste Tanzende drehten sich im knappen Areal vor der Bühne, auf der Sängerin Steffanie Haider einheizte. „My Papa was a Rolling Stone“ röhrte sie, auf einer kompakten Rhythmuswelle aus Schlagzeug und Bass surfend: Die zumeist jugendlichen Besucher waren begeistert.

Und eine weitere Beobachtung, die für die Zukunft einiges verspricht: Für alle Altergruppen und Geschmäcker war etwas geboten. Wenn die älteren Herrschaften das „alte kino“ bevorzugten, zog es die Jüngeren eher in den Klosterbauhof, auf Traditionelles Abonnierte konnten sich am Theaterstück der Ebersberger Trachtler in der Sieghartsburg delektieren (siehe unten), die ganz Wilden gar im Jugendtreff AJZ zu Punk abtanzen. Das schönste aber an diesem Szenario war auch die „vertikale“ Durchlässigkeit: alle können überall hingehen, ohne schräg angeschaut zu werden.

Vom Bahnhof kamen spät immer noch Kolonnen junger Leute, die nach Ebersberg zum Wochenendvergnügen unterwegs waren. Ebersberg: „kulturelle Perle“ im Münchener Osten!

 

FRIEDRICH C. BURSCHEL