Ebersberg - Seit der Wiederentdeckung der „Comedian Harmonists“ vor inzwischen nun auch schon geraumer Zeit hat A-cappella-Gesang Konjunktur in der deutschen Kleinkunst. Kaum eine der wie Spargel im Lenz sprießenden Gruppen des Genres jedoch spielt die Partitur zwischen schubidu, schabbeldibu und „Erkennen- Sie-die-Melodie“ so virtuos und so gnadenlos wie das Hamburger Quartett mit dem programmatischen Namen „La Le Lu“. Ihre mit Wiedererkennungseffekt und professioneller Arrangierfreude arbeitende Show bietet höchsten Unterhaltungswert und riss das Publikum am Freitagabend im „alten kino“ zu Begeisterungsstürmen hin.
Die drei Herren plus Dame trällern sich so ohne jede Scheu vor Klischees durch die Unterhaltungsmusik des vergangenen Jahrhunderts wie ein Wunschkonzert auf Bayern 1. „New York, Rio, Büdingen“ sind – wie im Eröffnungssong angekündigt – die Stationen, und es kann kein Zweifel bestehen, wo diese Reise ihren Anfangs- und Zielpunkt hat: in jener sagenhaften, archetypischen deutschen Kleinstadt, Büdingen also, aus deren musikalischer Vorstellungskraft heraus hier die Welt musikalisch porträtiert wird: Italiener singen mit offenem Hemd „Azzurro“ , Russen erkennt man am (formidablen) Bass von Tobias Hanf und der Ivan-Rebroff-Pelzmütze, Franzosen am Le-Tartare-Käppi. Für die Niederländer muss eine Schmonzette wie „Schmidtchen Schleicher“ als Botschafter herhalten, die „La Le Lu“ ohne jeden komödiantischen Bruch daherzusingen die Stirn haben.
Dass hier jedoch hintersinnige intellektuelle Talente am Werk sind, merkt man, als sich plötzlich Texte von Ror Wolf und Hugo Ball zwischen die Schlagerfuzzi-Mucke schleichen. Was das Komödiantische angeht, kann „La Le Lu“ sich glücklich schätzen, einen Rampenkönig wie Jan Melzer in seinen Reihen zu haben: Seine doppelte Julio-Iglesias-Parodie, den er Elton John, Louis Armstrong oder Sting tremolieren lässt, gehört ebenso zu den Knallern des Programms wie sein lispelnder Loddel aus der Hamburger Herbertstraße, der zur Musik von Zappas „Bobby Brown“ offenbart, was für ein Dichter in ihm wohnt.
Doch dazwischen geht es immer wieder im freien Fall nach unten: Stefanie Hoffmanns zappelnde Jodelnummer unterm Wiesn-Filzhut ist ebenso unglaublich wie ihr „You make me feel like a natural Woman“, dessen Seifigkeit man einer Amateurtruppe verziehen hätte, nicht jedoch „La Le Lu“, die wissen, was sie tun. Ihre gesungene Beweisführung etwa, dass Andrew Lloyd Webber bei Howard Carpendale und Paul McCartney bei Heinz Rühmann abgekupfert haben, ist schlichtweg genial. Und der Zugaben-Schnelldurchlauf von Zara Leander bis „La vida loca“ ließ – man muss es wohl so ausdrücken – die Herzen höher schlagen.
SEBASTIAN SCHOEPP